Samstag, 1. März 2025

nicht-wissen, Zeugnis geben, handeln - und jetzt?


Was gerade in der Welt passiert, macht mir Angst.

Ich sehe, wie das Völkerrecht ad absurdum geführt wird. Abkommen, Bündnisse, gegenseitige Versprechen – sie werden gebrochen, missachtet, verhöhnt. Was gerade mit der Ukraine geschieht, ist ein Zeichen für etwas viel Größeres. Wenn selbst langjährige Unterstützung plötzlich infrage steht, wenn Schutzversprechen wanken, dann betrifft das nicht nur dieses eine Land. Es zeigt, dass Verlässlichkeit in der internationalen Politik immer mehr zur Illusion wird.

Besonders hart trifft das die Schwächsten. Menschen, die dringend Hilfe brauchen, werden im Stich gelassen. Länder, die sich auf internationale Unterstützung verlassen haben, stehen plötzlich ohne da. Besonders schmerzt mich, dass die Versorgung mit HIV-Medikamenten, vor allem in afrikanischen Ländern, gefährdet oder sogar eingestellt ist. Menschen sind in realer Gefahr.

Und hier, in Deutschland? Hier wachsen ebenfalls Angst und Unsicherheit. Die Probleme scheinen immer komplexer zu werden. Und wo Komplexität wächst, wächst auch der Wunsch nach einfachen Lösungen. Im Osten Deutschlands sehen wir, wie immer mehr Menschen AfD wählen – nicht unbedingt, weil sie radikal sind, sondern weil sie sich nach einer Welt sehnen, die einfach, klar und überschaubar ist. Aber die Welt wird nicht einfacher. Sie bleibt nicht, wie sie war.

Und dann ist da noch die Klimakrise. Sie interessiert sich nicht für unsere politischen Haltungen. Sie wartet nicht darauf, ob wir bereit sind, etwas zu ändern. Wenn wir nicht jetzt, sofort und konsequent umsteuern, wird sie das Leben, wie wir es kennen, unmöglich machen. Und das betrifft alle.

Ich bekomme so viele Nachrichten, vor allem von Menschen aus Uganda, die mich um Hilfe bitten. Und ich spüre die Ohnmacht, weil ich nicht jedem helfen kann. Es ist bedrückend.

Und dann? Dann rede ich von Achtsamkeit, von Meditation?

Ja. Denn auch Achtsamkeit bedeutet, nicht wegzuschauen. Es bedeutet, den Schmerz, die Angst, die Hilflosigkeit zuzulassen – aber nicht darin unterzugehen. Es bedeutet, zu erkennen, dass ich nicht nichts tun kann. Vielleicht kann ich nicht alle retten. Aber ich kann mitfühlen. Ich kann Zeugnis ablegen. Ich kann die Verbindung zu anderen halten, die ebenfalls nicht aufgeben wollen.

Vielleicht können wir nicht immer materiell helfen. Aber wir können uns im Geiste unterstützen. Wir können dafür sorgen, dass Mitgefühl nicht versiegt. Dass Menschlichkeit nicht verstummt.

Und manchmal gibt es kleine Dinge, die wir übersehen, die wir aber tun können. Ein ehrliches Gespräch führen. Jemandem zuhören. Eine Petition unterschreiben. Einen Betrag spenden, wenn wir können. Jemandem Mut machen.

Wir können nicht alles tun. Aber wir können etwas tun.

Lasst uns verbunden bleiben. Gerade jetzt.

Freitag, 21. Februar 2025

Rückblick auf meine Ausbildung als Achtsamkeitstrainer

Von 2021 bis 2024 habe ich am DFME bei Doris meine Ausbildung zum Achtsamkeitstrainer absolviert. Nun, fast ein Jahr später, blicke ich mit großer Freude und Dankbarkeit auf diese intensive Zeit zurück.

Was hat mir die Ausbildung persönlich gebracht?

Obwohl ich schon lange meditiere – vor allem in der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens von Willigis Jäger – konnte ich durch die Ausbildung viele neue Aspekte in meine Achtsamkeitspraxis integrieren. Besonders hervorheben möchte ich drei Punkte:

1. In den Körper kommen
Ich komme ursprünglich aus der christlichen Tradition, in der Spiritualität oft sehr kopflastig ist. Der Körper mit seiner vielschichtigen Ausdruckskraft bleibt dabei häufig im Hintergrund. Auch in meiner Kontemplationspraxis ist der Körper zwar wichtig, doch den wirklichen Zugang dazu habe ich erst in der Ausbildung gefunden.
Früher konnte ich mit dem Bodyscan wenig anfangen – er war mir sogar etwas zuwider. Erst als mir bewusst wurde, dass sich das Leben nur durch den Körper ausdrücken kann, hat sich etwas verändert. Der Atem verbindet mich mit allem, was lebt. Das Leben will sich in meinem Körper feiern – und dieses Verstehen geschieht nicht im Kopf, sondern im Herzen.

2. Im Anfängergeist bleiben
Allzu oft denke ich: Das weiß ich doch schon. Damit habe ich mich doch längst beschäftigt. Doch wenn ich an Vergangenem festhalte, verschließe ich mich neuen Erfahrungen.
Die Ausbildung hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, jeder Begegnung und jeder Situation mit Anfängergeist zu begegnen – so, als ob es das erste Mal wäre. Jede Begegnung ist einzigartig und unwiederbringlich. Das hat meine Haltung nachhaltig geprägt.

3. Selbstmitgefühl entwickeln
Aufzuhören, mein eigener strenger Richter zu sein, ist ein Lernprozess, der immer wieder neu beginnt. Ich erinnere mich an eine Unterrichtseinheit, in der eine Teilnehmerin sagte: Ich habe heute schlecht meditiert. Doris antwortete: Ist es überhaupt möglich, schlecht zu meditieren? Entweder du meditierst oder du meditierst nicht. Wenn du denkst, du meditierst schlecht, dann schau es dir einfach an und akzeptiere es, wie es jetzt ist.
Diese Haltung der Selbstannahme hat mir geholfen, liebevoller mit mir selbst umzugehen. Jeder Moment ist, wie er ist – und im nächsten Augenblick kann sich alles verändern.

Und was macht mich nun zum Achtsamkeitstrainer?
Ehrlich gesagt sehe ich diese Rolle fast als Nebenprodukt. Etwas zu vermitteln, ohne es selbst zu leben, ist nicht möglich. Ich erinnere mich an einen Wochenend-Workshop mit einer großen Gruppe politischer Aktivist*innen. Nach einer Achtsamkeitseinheit kam eine Teilnehmerin auf mich zu – selbst MBSR-Trainerin – und sagte: Ich spüre, dass du das, was du vermittelst, wirklich lebst. Das tut mir gut.
Für mich war das das größte Kompliment – sowohl für mich als auch für die Ausbildung am DFME.

Nicht immer war alles einfach
Auch während der Ausbildung war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gab Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Situationen, die mir nicht gefielen. Doch gerade daran habe ich viel gelernt. Manchmal musste ich meine Haltung überdenken, manchmal haben Konfliktsituationen meine Position bestärkt. Ohne solche Erfahrungen ist Entwicklung nicht möglich.

Mein Dank
Ein herzliches Dankeschön an Doris, Ingrid, Ishtar und all die anderen Menschen, die diese Ausbildung ermöglicht haben. Ebenso danke ich den Teilnehmer*innen meiner Ausbildungsgruppe für die gemeinsame Zeit, das Teilen von Erfahrungen und die gegenseitige Unterstützung.

Donnerstag, 20. Februar 2025

Dankbar-Leben leben

1 Ein Brief an Tante Martha

Liebe Tante Martha,

Dieser Brief ist eigentlich eine Facharbeit, die ich am Ende Meiner Achtsamkeitsausbildung schreibe. Ich habe beschlossen, diese Arbeit als Brief an dich zu schreiben, liebe Martha. Auch wenn du schon lange, wie du immer sagtest, heim gegangen bist, so lebst du doch in meinem Herzen – wenn ich also diese Arbeit dir widme, so schreibe ich sie doch für mich selbst und für die, die sie lesen werden.

Wenn ich an dich denke, so steigt in mir ein starkes Gefühl von Dankbarkeit dafür auf, dass du ein Stück Weges mit mir gegangen bist.

Es gibt eine Übung zur Kultivierung der Dankbarkeit, sie heißt Herzensmenschen, bei der ich mir Menschen ins Gedächtnis rufen kann, die mir sehr viel im Leben bedeuten. Während ich mir diesen oder jenen Menschen vorstelle, verlebendige ich das Gedächtnis an Diesen. Ich rufe ihn mir so gut wie möglich in mein Gedächtnis und formuliere, was dieser Mensch in meinem Leben bewirkt hat, und für was ich diesem Menschen dankbar bin.

Liebe Marta, Du bist so ein Mensch. Als ich dich bat, meine Taufpatin zu werden, warst Du bereits über 80 Jahre alt, ich gerade mal 14.

Jede Woche bin ich zu dir gekommen, und habe Deinen Geschichten bei Kaffee und Kuchen gelauscht.

In Russland aufgewachsen bist du als kleines Kind an den Pocken erblindet, hast als Jugendliche Oktoberrevolution und Vertreibung miterlebt, wurdest, da die Eltern auf Grund der Flucht wahrscheinlich sehr arm waren, in ein Blindenheim gegeben, bist durch mutige Menschen dem Euthanasietod in Auschwitz entgangen, hast nach 1945 ein unerträgliches Hungerjahr in einer Nervenklinik überlebt… Und dann habe ich dich kennengelernt. Du wohntest in einer bescheidenen Stube zur Untermiete. Alles, was du zum Leben brauchtest, passte da hinein. Deine 200 DDR-Mark Rente hast du durch Stricken aufgebessert.

Tag ein Tag aus hast Du in deinem Zimmer gesessen und gestrickt. “Ich bin still, und denke an die Menschen - das ist genug Gebet” hast du immer gesagt. Du hattest immer ein großes Herz, nie kann ich mich an erniedrigende Worte über andere Menschen erinnern. Du warst einfach da. An dein kindliches Lachen kann ich mich sehr gut erinnern, an deine einfache Fröhlichkeit An deine Herzensgüte für mich und für alle, mit denen Du Umgang hattest.

So viel haben mir diese Kaffeenachmittage am Sonnabend mit Dir gegeben. Deine Geschichten, deine Freude, dein Lebensmut und vor allem die Ruhe die ich während meiner Teenagerzeit bei dir fand.

Bis heute, nach 40 Jahren gibt mir das Kraft und Lebensmut. Ich denke an Dich bei schwierigen inneren Konflikten und Problemen. Ich denke an deine Geradlinigkeit und an deine Aufrichtigkeit.

Was war das Geheimnis deines Lebens? Du hättest gesagt: “Der Glaube an Jesus”. Aber Dein Glaube war nicht so, wie er oft in den Kirchen gepredigt wird. Nie wolltest Du das, was du für richtig hieltest anderen aufdrängen. In Deiner Gegenwart war immer ein großer Freiraum.

Wenn ich mich an dich erinnere, dann kommt mir als treffendstes Wort Dankbar leben in den Sinn.

Ursprünglich wollte ich für diese Facharbeit ein „ordentliches“ vielleicht eher wissenschaftliches Tema wählen. Als mir aber eine Ausgabe der Zeitschrift „Moment by Moment“ mit dem Titel Dankbarkeit in die Hände fiel und ich gleichzeitig ein Buch darüber las, wie mentale Aktivitäten das Gehirn neu strukturieren können, da stand mein Thema fest.

Dankbarkeit, das war bis dahin für mich immer ein nicht so ganz ernstes Thema. Natürlich, anderen Menschen dankbar sein, vielleicht auch Gott dankbar sein. Und dann?

In meiner Achtsamkeitsausbildung kam natürlich das Dankbarkeitstagebuch vor. Tagebuch schreiben fiel mir schon immer schwer. Aber Dankbarkeitstagebuch? Kurz, ich hatte keinen wirklichen Zugang zu diesem Thema.

Meine Idee war nun in der Arbeit darüber zu schreiben, was mich von einem „Dankbarkeitsskeptiker“ zu einem Dankbarkeitsfan gemacht hat. Und was die Dankbarkeitspraxis in mir bewirkt hat.

Nach dem ich im zweiten Kapitel darauf eingehe, wie Dankbarkeit definiert werden kann und wie sie in der Achtsamkeitspraxis verortet ist, schreibe ich im 3. Kapitel darüber, wie ich selbst die Dankbarkeitspraxis als spirituellen Weg entdeckt habe. Danach, Kapitel vier, stelle ich einen Menschen vor, den man als einen Dankbarkeitslehrer und -aktivisten bezeichnen kann, um zuletzt im Kapitel 5, einige Übungen vorzustellen, die dabei helfen, die Haltung der Dankbarkeit zu kultivieren.

2 Dankbarkeit, was ist das?

2.1 Definitionen

Wenn ich als Kind etwas geschenkt bekommen habe, dann hat meine Mutter oder später meine Oma  immer gesagt: Und, was sagt man da? Ich habe brav geantwortet: Danke schön lieber, oder liebe… Aber das war oft eher anerzogene Dankbarkeit. - weil es sich so gehört.

Manchmal sagt jemand: Oh, dafür schulde ich ihm oder ihr aber großen Dank: Ist Dankesschuld Dankbarkeit? Oder bekomme ich, wenn ich selbst von jemandem Anderen Dankbarkeit erwarte, wirklich Herzensdank zurück? Würde mich diese Art von erwarteter Dankbarkeit wirklich froh machen, mich beflügeln?

In diesem Text spreche ich von Dankbarkeit für etwas wirklich Geschenktes, das keine Gegenleistung erfordert.

Im Duden wird die Dankbarkeit als “Gefühl und Ausdruck des Dankes” beschrieben. Es handelt sich um eine dankbare Empfindung oder Gesinnung, die man für materielle oder immaterielle Zuwendung entwickelt.

Eine andere Definition, die ich gefunden habe lautet: “Dankbarkeit ist die ernst gemeinte Wertschätzung und Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung oder auch eines materiellen beziehungsweise immateriellen Zustandes.”.

Eine bedingungslose Zuwendung, ein nicht erwartetes Geschenk ohne die Einforderung einer Gegenleistung ist Voraussetzung dafür, dass  Dankbarkeit als eine spontane, unmittelbare Antwort auf das Geschenkte entstehen kann. Dankbarkeit kann sich als ein spontanes Gefühl ausdrücken, sie kann aber auch eine bewusst eingenommene Haltung in Beziehung zu unverdienten, nicht durch eigene Leistung erarbeiteten Lebensumständen oder Gegebenheiten sein. Dankbarkeit kann sich so auch zu einer grundlegenden Einstellung zum Leben an sich entwickeln. Sie ist der Ausdruck einer Beziehung zum schenkenden Gegenüber, oder zum Leben als Schenkendem oder als Geschenk an sich.

2.2 Dankbarkeit als Haltung in der Achtsamkeitspraxis

Um etwas gegebenes dankbar wertschätzen zu können, muss es zuerst einmal als Geschenk wahrgenommen, beachtet und angenommen werden. 

“Eine Definition, die Dankbarkeit und Achtsamkeit miteinander verbindet, könnte besagen, dass Dankbarkeit eine bewusste und wertschätzende Haltung gegenüber den positiven Aspekten des Lebens ist, die durch Achtsamkeit, also das bewusste Wahrnehmen und Akzeptieren des gegenwärtigen Moments, verstärkt wird. Diese Definition betont, wie Achtsamkeit dazu beiträgt, dass wir uns der Dinge bewusst werden, für die wir dankbar sein können, und dass Dankbarkeit wiederum unsere Achtsamkeit und unser Bewusstsein für das Gute im Leben fördert.”

2.3 Auswirkungen von Dankbarkeit auf Psyche und Gesundheit

“Pro Sekunde strömen durch unsere Sinne Zwölf Billionen Impulse auf uns ein. Der Überlebensmechanismus unseres Hirns richtet seine Aufmerksamkeit auf die problematischen. Fokussieren wir uns willentlich auf die guten, verbessert sich unser innerer Zustand messbar. Es ist wie mit dem Zähneputzen, es wäre gut, wenn wir das regelmäßig tun.”

Dankbarkeit regt “...im Gehirn Zentren für Belohnung und soziale Bindungen an und verbessert unsere Fähigkeit, die Absichten anderer zu deuten. Gleichzeitig wirkt Dankbarkeit negativen Gefühlen und Tendenzen entgegen, wie zum Beispiel Neid, Vergleichsdrang, Narzissmus, Zynismus und Materialismus. Menschen, die dankbar sind, neigen daher eher dazu, glücklicher und zufriedener zu sein. Sie führen oft glückliche Beziehungen, schlafen besser und sind weniger anfällig für psychische Erkrankungen wie Depression, Sucht und Burnout. ”

Dankbarkeit und ähnlich gelagerte positive Emotionen und Einstellungen bewirken in unserem Gehirn signifikante physiologische und auch organische Veränderungen. Wir selbst können also aktiv auf die Entwicklung unseres Gehirns Einfluss nehmen.

In seinem Buch “Leben mit Hirn” verdeutlicht Sebastian Prups-Pardigol dies am Modell des Potenzialkreises, sehr anschaulich.

Potenzial: Das Gehirn bildet neue Nervenzellen und Synapsen, um sich auf neue Gegebenheiten und Anforderungen einzustellen.

Dies wird durch Innere Bilder beeinflusst, also Bilder, die wir uns, von uns selbst, in Beziehung zu unserer Umwelt machen.o

Die Erfahrungen, die wir mit uns selbst und mit unserer Umwelt machen, beeinflussen wiederum unsere inneren Bilder.

Unser inneres und äußeres Verhalten ermöglicht uns neue Erfahrungen zu machen oder vorher gemachte Erfahrungen durch Wiederholung zu verfestigen.

Auf die Entwicklung unseres neuronalen Potenzials können wir durch Änderung unseres Verhaltens, durch Neubewertung unserer Erfahrungen und dadurch auch durch die Veränderung unserer inneren Bilder Einfluss nehmen. 

Dankbar leben, das sind also Verhaltensweisen, die uns neue Erfahrungen machen lassen. Es entstehen neue innere Bilder, die die Physiologie und die Gestalt unseres Gehirns beeinflussen.

3 Dankbarkeit im Selbstversuch

Liebe Marta, wenn Du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, was ich unter Dankbarkeit verstehe, dann hätte ich wohl geantwortet, dass man Gott dankbar sein sollte für die Schöpfung, für das Leben, für die großen und kleinen Dinge, die er so schenkt.

Ich hätte auch gesagt, dass man anderen Menschen gegenüber Dankbarkeit zeigen sollte, die einem etwas Gutes getan haben. Dankbarkeit war für mich eine selbstverständliche emotionale Ausdrucksform im Religiösen und im zwischenmenschlichen Bereich.

Dankbarkeit hatte aber auch, wahrscheinlich durch meine Erziehung, etwas von einer Art aufschauenden, sogar devoten Haltung zu etwas Größerem hin. Zu Gott, oder zu Menschen, denen ich für ihre Zuwendung zu mir Dank schulde.

Als ich Dankbarkeit als eine Haltung der Achtsamkeit, so, wie es von Jon Kabat Zinn formuliert wurde, kennengelernt habe, in Kombination z.B. mit dem Schreiben eines Dankbarkeitstagebuchs, da fiel mir der Zugang dazu eher schwer. Erstens war und bin ich kein Tagebuchschreiber, und zweitens kam mir die Frage auf; Wie kann ich dankbar sein, ohne ein Gegenüber, einen Empfänger meiner Dankbarkeit zu haben.

Irgendwie habe ich dieses Thema immer in die ping-rosa-babyblaue Achtsamkeitsecke gesteckt. Letztes Jahr fiel mir eine Ausgabe der Zeitschrift “Moment by Moment” mit dem Thema Dankbarkeit in die Hände. In diesem Heft wurde auch Bruder David Steindl-Rast mit seinem Dankbarkeitsnetzwerk vorgestellt.

Mein Herz hat mir, wohl auch durch die liebevolle Aufmachung gesagt, dass das vielleicht wirklich ein wichtiges Thema ist. Aber ich hatte immer noch keinen richtigen Zugang dazu.
Nun stand irgendwann die Abschlussarbeit für meine Achtsamkeitsausbildung an. Ich weiß gar nicht so genau, was mich dazu bewogen hat, aber ich dachte, ich könnte doch mal ausprobieren, was das tägliche Schreiben eines Dankbarkeitstagebuchs in mir bewirkt. Und vielleicht könnte das ja auch das Thema für die Abschlussarbeit werden.

Also habe ich beschlossen, jeden Abend fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Das war eigentlich nicht so schwer. Irgendwas fällt mir immer ein. Ich liebe gutes Essen, ich höre gerne interessante Radiosendungen, ich treffe mich gerne mit interessanten Menschen. Darüber freue ich mich wirklich, dafür kann ich dankbar sein. Mit der Zeit fielen mir auch selbstverständlichere Dinge ein: z.B. dass ich gut geschlafen habe, dass ich den Tag mit einem freudigen positiven Gefühl begonnen habe, usw.

Anfangs fielen mir die Dinge oder Ereignisse, für die ich dankbar war, erst am Abend ein, wenn ich das Tagebuch schreiben wollte. Dann stellte ich aber fest, dass ich schon während des Tages dachte: Oh das ist ja ein toller Moment. Hoffentlich vergesse ich ihn nicht bis zum Abend, damit ich ihn in mein Tagebuch aufschreiben kann. Dankbar etwas in dem Moment wahrzunehmen, wenn es geschieht, das war eine eher neue Erfahrung und verschaffte mir wirklich unerwartete Glücksmomente. Und ich konnte sogar die Glücksmomente durch Dankbarkeit vermehren. 

Wenn ich z.B. morgens in der U-Bahn, die Menschen sind morgens im Berufsverkehr Normalerweise müde, griesgrämig und verschlossen, wenn ich also meinem Sitznachbarn zulächele oder sogar etwas schönes zu ihm oder ihr sage, wie „ach wie schön ist doch das Wetter heute und wie wunderbar die Sonne“ dann ist es möglich, dass sie oder ehr aus seiner oder ihrer Lethargie aufwacht, mich anlächelt oder es entsteht sogar ein kleines Gespräch, dass mit guten Wünschen für den Tag endet. Das löst manchmal in mir ein Glücksfeuerwerk aus, dass den ganzen Tag viel schöner macht.

Eines Abends, als ich mit meinem Einkaufskorb zum Supermarkt lief, nichts war daran besonders, kam mir auf einmal der Gedanke, dass ich eigentlich für ALLES dankbar sein kann, wenn ich nur will. Dass ich gehen, mich bewegen kann, das ist nicht selbstverständlich. Dass ich genug zu Essen habe, ein Dach über dem Kopf, etwas anzuziehen, dass ich hören, und sogar ein bisschen sehen kann, alles ist nicht selbstverständlich - morgen könnte es schon nicht mehr so da sein.

Um Dankbarkeit als Lebenshaltung zu kultivieren, so habe ich verstanden, braucht es drei Dinge: Erstens, einen Umstand, eine Situation, eine Gegebenheit als Geschenk wahrzunehmen, auch wenn sie mir als selbstverständlich erscheinen mag. Zweitens, zu begreifen, dass dies eben nicht selbstverständlich ist, und dass ich anfange, mich darüber zu wundern, darüber zu staunen, dass es gerade so ist, wie es ist. Und drittens, dass ich durch einen willentlichen Akt, über das Gefühl des Staunens hinausgehend, dafür Dankbarkeit ausdrücken kann.

Dankbarkeit kann also geübt, gelernt und als Achtsamkeitsübung praktiziert werden, immer und überall.

Eine weitere Entdeckung, die ich gemacht habe, war, dass allein die Beschäftigung mit diesem Thema, die Überlegungen, wie ich dieses in meiner Arbeit darstellen könnte, mich zutiefst froh und dankbar macht.

4 David Steindl-Rast und die Netzwerke der Dankbarkeit

4.1 Bruder David, dankbar Leben als spiritueller Weg

Ehrfürchtiges Staunen vor dem Geheimnis des Lebens – ein Staunen, das uns immer wieder im Frühling überkommt – ist ja der erste Schritt zum Lebensvertrauen. Der Lebenskraft, die vor unseren Augen solche Wunder schafft, wie schon eine einzige Krokusblüte eines ist, dürfen wir doch wohl vertrauen. Sie wirkt auch in uns Wunder …”

Ist das nicht ein wunderschöner Satz, liebe Marta? Er hätte dich zutiefst erfreut und beglückt. Du hast dir wahrscheinlich nie viele theoretische Gedanken über diese Fragen gemacht. Du hast einfach aus dem Herzen heraus staunen und dich freuen können. Du hast dich über das kleine Mädchen gefreut, dass in der Nachbarschaft wohnte und immer gerne mit dir Zeit verbrachte. Du hast auf deiner Fensterbank immer Blumen gehabt, obwohl du weder sehen noch riechen konntest. Du hast sie mit deinen Händen betastet, und über ihr Leben gestaunt.


Während meiner Beschäftigung mit der Dankbarkeit, bin ich auf Bruder David gestoßen. Er ist Benediktinermönch und inzwischen schon 98 Jahre alt. Ähnlich wie Du hatte er ein schweres Leben in seiner Jugend. Die Nazizeit und den Krieg hat er in Wien als jugendlicher erlebt. Obwohl er in dieser Zeit viel Leid gesehen haben muss, und viele seiner Freunde und Bekannten verloren hatte, sagt er heute doch, dass er eine glückliche Kindheit und Jugend hatte. Warum? Weil wir im Angesicht des Todes lebten, und darum immer nur im gegenwärtigen Moment leben konnten, so bezeugt er es. Nach dem Krieg studierte er in Wien Anthropologie und Psychologie. In diesem Fach hat er auch promoviert. Anfang der 50er Jahre folgte er dann seiner Familie in die USA. In New York trat er bald in ein neu gegründetes Benediktinerkloster ein. Er wollte, so hat er gesagt, immer das Ganze ergründen. Deshalb wurde er Mönch. Er hat sich mit Meditation und Zen beschäftigt und wurde mit der Zeit ein international gefragter Lehrer, Buchautor und Vortragsreisender.

Dankbarkeit als Lebenshaltung nimmt in seinen Büchern und Vorträgen einen zentralen Platz ein. Hier gebe ich zusammengefasst einige wichtige Gedanken über die Dankbarkeit aus einem Vortrag wieder, den Bruder David 2014 gehalten hat.

Die Wurzel der Freude ist Dankbarkeit. Es ist nicht Freude, die uns dankbar macht - es ist Dankbarkeit, die uns Freude macht. Um dankbar leben zu können, ist es zuerst einmal notwendig, das Staunen über das scheinbar Selbstverständliche wieder zu erlernen. Dieses Staunen ist sozusagen der Wecker, der uns wach macht für das Wunder in allen Dingen, für das Wunder des Lebens.

“...in dem Augenblick, in dem wir dankbar sind, sind wir im Jetzt – man kann für die Vergangenheit dankbar sein, man kann für die Zukunft dankbar sein. Dankbar sein kann man immer nur im Jetzt. Sind wir im Jetzt, sind wir wir-selbst.“

Dankbarkeit führt uns weg, aus unserer Isolation, hin zum anderen Geschöpf. Dankbarkeit schafft Verbindung unter allen Wesen, weil sie ja die Bedingtheit alles von allem feiert.

Dankbarkeit ist für Bruder David die Quintessenz eines erfüllten Lebens, die Wurzel jeder Religion und setzt doch keinen Glauben an irgendwelche Dogmen oder komplexe Rituale voraus.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem plötzlich auftretenden Gefühl von Dankbarkeit, wenn ich z.B. ein unerwartetes Geschenk bekomme oder in einer schwierigen Lebenssituation unerwartet Zuwendung erfahre, und der Dankbarkeit als eine Lebensgrundhaltung, für die ich mich bewusst entscheiden und die ich kultivieren kann.

Dankbar leben drückt sich dann in der bewussten Wahrnehmung des Lebens an sich und jedes einzelnen Momentes aus.

Ich bin, so Bruder David, dankbar für jeden Augenblick, in welchem uns etwas geschenkt wird, was wir selbst uns nicht verdienen können, nämlich das Jetzt, der gegebene Augenblick und die Gelegenheiten, die dieser Augenblick uns bietet.“

Dankbarkeit richtet sich also auf die Gelegenheit: Gelegenheit, sich zu freuen, Gelegenheit, etwas zu lernen, Gelegenheit, zu wachsen, Gelegenheit, gegen etwas zu protestieren.

In jedem Augenblick können wir dankbar sein, obwohl wir natürlich nicht für alles dankbar sein können, nicht für Ungerechtigkeit, für Kriege und für die Zerstörung unserer Mitwelt.

Dankbarkeit als Emotion ist die Freude des Beschenkt seins.

Dankbar leben meint dann das Jetzt mit seinen Gelegenheiten als Geschenk anzunehmen. Auch daraus kann Freude entstehen, auch wenn die Umstände, in denen wir das Jetzt erfahren, höchst unerfreulich sein können.

4.2 Dankbarkeitsnetzwerk

Bruder David spricht in seinen Vorträgen und Büchern häufig von der Pyramide der Macht, oder von dem System. Damit meint er nicht irgend ein politisches oder gesellschaftliches oder religiöses System, sondern er meint ein System, in dem sich macht konzentrieren und vermehren will. Dieses „System“ der Machterhaltung hat sich in der Entwicklung der Menschheit in zwischenmenschliche, gesellschaftliche, finanzielle, religiöse und stattliche Beziehungen eingeschlichen. 

"Das „System“ kann nicht lächeln. Es kümmert sich um keinen Menschen. Ihm ist alles egal. Wir haben es ja mit einer völlig unpersönlichen Machtstruktur zu tun, obwohl sie wie von einem irrsinnigen Machthaber gesteuert erscheinen mag. In seinem Wesen ist das „System“ uneingeschränkte Unpersönlichkeit – Inbegriff eines leeren Nichts mit mörderischer Macht. Wo es eindringt, zerstört es das Bewusstsein gegenseitiger Zugehörigkeit und die Anerkennung persönlicher Einzigartigkeit – die beiden Voraussetzungen von Menschenwürde.“

Dieses „System“ hat, Bruder David zu Folke, keine Zukunft, da es die Grundlage unseres Lebens, und damit letztlich auch sich selbst zerstört. Was aber kann dem Entgegengesetzt werden?


„Sich gegen das „System“ aufzulehnen, heißt also – kurz und positiv auf eine Formel gebracht – für Menschenwürde einzutreten. Menschenwürde entspringt letztlich der Ehrfurcht vor dem Geheimnis." (Geheimnis ist für Bruder David ein Synonym für Gott oder für das Prinzip Leben an sich.)

Eigentlich wollte sich Bruder David vor 25 Jahren zurückziehen, um im Frieden zu sterben. Seine Freunde drängten ihn aber seine Texte im Internet zu veröffentlichen. So Entstanden mit der zeit in vielen Ländern der Welt Internetseiten durch die sich vielsprachige Communitys, „Netzwerke dankbaren Lebens“ gebildet haben.

Im deutschsprachigen Raum gibt es die Webseite https://www.dankbar-leben.org, die vielgestaltige Materialien und Anregungen für Lokale „Dankbar leben“-Treffen enthält.

Lokale „Dankbar leben“-Treffen sind eine Gelegenheit, in Gemeinschaft die Erfahrungen eines dankbaren Lebens als grundlegende Lebenshaltung miteinander zu teilen, zu erforschen, und darin gemeinsam zu lernen und zu wachsen. Dabei kann erfahrungsgemäß Ermutigung und Unterstützung erfahrbar werden. (…) Durch vertiefende Gespräche, Gesprächsrunden (z.B. in Circles/Kreisgesprächen oder nach den Grundsätzen des Achtsamen Dialogs nach D. Bohm), vielleicht auch einmal in Dyaden, tauschen sich die Teilnehmer*innen aus und vertiefen ihre persönliche Praxis.

Auch sind mehrere ZOOM-Gruppen entstanden die sich regelmäßig treffen, um sich gegenseitig zu ermutigen, Dankbarkeit als Lebenshaltung zu kultivieren.


Dankbarkeit ist ein spiritueller Weg, ein großes JA zum Leben. Dankbarkeit kann eine Praxis sein, in der sich alle Religionen einig sind und damit - trotz aller großen Missverständnisse, die in Hass, Gewalt und Ungerechtigkeit münden, - über sämtliche Unterschiede hinweg zum Zeichen menschlicher Gemeinsamkeit werden.



5 Dankbarkeit üben

Ist das nicht großartig, liebe Martha? Beim Schreiben dieser Worte geht mir das Herz auf. Bruder David belässt es aber nicht bei schönen Gedanken und Worten. Er schlägt ganz praktische Übungen vor, wie wir Dankbarkeit in unserem Alltag kultivieren können.

5.1 Dankbarkeitsgrundübung - Innehalten, Schauen, handeln

“Wenn wir jeden Tag „dankbar leben“ praktizieren würden, wäre das genug, um unser Leben und die Welt um uns herum positiv zu beeinflussen. Das ist das Beste an einer grundlegenden Übung, auf die wir immer wieder zurückkommen können. Und nur, weil etwas einfach ist, bedeutet das nicht, dass es einfältige oder unbedeutende Ergebnisse liefert.”

Dies ist eine Übung, die zu jeder Zeit an jedem Ort praktiziert werden kann. Sie kann mit dem Schreiben eines Dankbarkeitstagebuchs kombiniert werden, sie kann erweitert und modifiziert werden. Vor allem kann sie während des Tages immer wieder für kurze Pausen des Innehaltens, Pausen zum Re-fokussieren auf das Lebenswerte, das Positive, das trotz alles Stresses jetzt da ist, genutzt werden.

Die Übung besteht aus drei Schritten:

  1. Innehalten: In der Aktivität, in der ich gerade bin, stoppe ich, halte an, werde still, spüre ich dem Atem nach, dem ganzen Zyklus des Ein- und Ausatmens, lasse mich in die Ruhe des Augenblicks fallen.

  2. Schauen: Ich werde gewahr, was dieser Augenblick mir jetzt für Gelegenheiten bietet und was schon da ist, ohne dass ich mir dessen normalerweise bewusst, werde. Das können auch ganz grundlegende Dinge sein, wie Gesundheit, die Möglichkeit zu gehen, zu riechen… Das alles kann ich wahrnehmen und darüber staunen, dass es so ist, wie es ist. Manchmal kann es schwerfallen, einen Zugang zu diesen Dingen im Jetzt zu finden. Über einen kleinen, hypothetischen Umweg kann ich es aber vielleicht doch. Ich könnte mich folgendermaßen fragen: Einmal angenommen, es gäbe etwas, wofür könnte ich dann dankbar sein?”

  3. Handeln: Es bedarf anfangs vielleicht eines Willensakts, dankbar zu sein. Dann kann ich es genau formulieren und auch aufschreiben: Ich bin dankbar dafür, dass… Vielleicht gelingt es auch, vom Kognitiven ins Körperliche zu kommen. Kann ich Gefühle von Dankbarkeit im Körper verorten? Und ich kann auch ins äußere Handeln kommen, ich kann z.B. einem anderen Menschen sagen, dass ich für das und das Dankbar bin, oder dass ich mich einfach freue, das er oder sie jetzt hier ist.

Nun will ich noch ein paar kleine Dankbarkeitsübungen vorstellen, die uns als eine Art Anker dienen können, um uns an unser Vorhaben, dankbarkeit zu üben erinnern.

5.2 Der Dankbarkeitsstein

Ein kleiner hübscher Stein, kann als Erinnerungsanker helfen, sich immer wieder während des Tages bewusst zu werden, wofür ich jetzt in diesem Moment dankbar sein kann. Am Abend kann ich dann den Stein in meine Hand nehmen, und mich an den vergangenen Tag erinnern. Und ich kann durch eine Meditation, durch ein Gebet oder durch das Schreiben in mein Dankbarkeitstagebuch meiner Dankbarkeit noch einmal Ausdruck verleihen. 

5.3 Die wundersamen Bohnen

Ich stecke mir eine Handvoll Bohnen (oder auch Kaffeebohnen, Perlen oder Reiskörner) einen Tag lang in meine rechte Hosentasche. Immer dann, wenn ich etwas Schönes erlebe, nehme ich eine Bohne aus der rechten Tasche und stecke sie in meine linke. Am Ende des Tages schaue ich mir dann an, wie viele Bohnen meine Hosentasche gewechselt haben. So kann ich mir immer wider kleine Glücksmomente im Alltag bewusst machen.

5.4 Dankbarkeitspostkarten

Mit selbstgestalteten Postkarten mit der Frage: „Wofür kann ich jetzt in diesem Moment dankbar sein?“,  die ich überall in meiner Wohnung oder an meinem Arbeitsplatz platziere, kann ich mich ebenfalls beim Wahrnehmen von kleinen oder großen Geschenken des Lebens unterstützen, und somit Dankbarkeit im Hier und Jetzt kultivieren.

6 Schlussbemerkungen

Liebe Marta, 

nun bin ich am Ende meiner Facharbeit angelangt. Aber ich habe das Gefühl, dass ich längst nicht über alles geschrieben habe, über das zu schreiben wäre. Ja ich bin immer noch mitten auf dem Weg, das Thema Dankbarkeit zu Ergründen. Diese Arbeit ist eher der Anfang als das Ende meiner Beschäftigung mit diesem Thema. Es geht ja nicht so sehr um das Wissen über Dankbarkeit, sondern es geht um Dankbar-Leben als tägliche Praxis und Erfahrung. Und da werde ich wohl immer wieder am Anfang stehen. 

Ich erinnere mich an deine Offenheit und deine Neugier, an dein Interesse für alles Neue, dass deine Welt reicher und bunter gemacht hat, auch wenn du Farben nicht sehen konntest. Deine Dankbarkeit für das Leben und seine Überraschungen erfüllt mich mit Zuversicht, Mut und auch meinerseits mit Dankbarkeit. Alles wolltest du mit allen Sinnen erfahren. Ich erinnere mich an eines deiner Lieblingsbibelferse: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und was unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens –„ Ja, das Leben hast du wirklich betastet, mit deinen Händen, und aufgenommen mit all deinen Sinnen. Und du hast es mit deinem ganzen Wessen bejaht. 



Bibliografie

Literatur

  • Moment by Moment, das Magazin für Achtsamkeit: Ausgabe 1/2023, Dankbarkeit, die Wurzel der Freude; Hammer Solutions Media; Freiburg 2023

  • Purps-Pardigol, Sebastian: Leben mit Hirn; Campusverlag Frankfurt 2021

  • Steindl-Rast, David: Dankbarkeit - das Herz allen Betens; Herder Freiburg 1999

  • Steindl-Rast, David: Orientierung finden, Schlüsselworte für ein erfülltes Leben; Tyroliaverlag Innsbruck-Wien, 4 Auflage 2022

Weblinks

Mittwoch, 19. Februar 2025

ich rufe dich - heute prophetisch leben

ICH RUFE DICH

Lass uns geloben, 

uns an die Ursachen des Leides zu erinnern, und das Beenden des Leidens zu praktizieren. 

ich werde alles annehmen, was ich nicht ändern kann, und zulassen, dass mein Herz bricht.

Mögen wir sanftmütig sein, all unsere Tage, hier, dort, überall.

Lass uns geloben, Zeugnis abzulegen über die ganze Zeit des Lebens und verstehen, dass alles vollständig ist. Indem ich über unsere Unterschiede hinausgehe, Werde ich mich als dich und dich als mich erkennen. Mögen wir einander dienen, all unsere Tage, hier, dort, überall.

Lass uns geloben, 

uns selbst zu öffnen für die Fülle des Lebens. Indem ich frei gebe und nehme, werde ich für dich sorgen,für die Bäume und Sterne, als Schätze meiner selbst. Mögen wir dankbar sein all unsere Tage, hier, dort, überall. 

Lass uns gelogen, 

alle Verletzungen zu vergeben, die wir oder andere verursacht haben, die schädlichen Wege jedoch nicht zu dulden. Indem ich die Verantwortung für meine Handlungen übernehme befreie ich dich und mich. 

Willst auch du mich befreien? 

Mögen wir gütig sein, all unsere Tage, hier, dort, überall. 

Lass uns geloben, 

in Erinnerung zu behalten, das alles was erscheint vergehen wird. Inmitten der Unsicherheit, werde ich liebe säenHier, jetzt, ich rufe dich! 

Lass uns gemeinsam den großen Frieden leben, der wir sind. 

Mögen wir keine Ängste auslösen, all unsere Tage, hier, dort, überall.

Der Segenstext von Roshi Wendy Egyoko Nakao ist eine Einladung: eine Erinnerung daran, dass wir selbst die Welt gestalten können, nach der wir uns sehnen. In poetischen Worten ruft der Text dazu auf, das Leben zu leben, als ob der Frieden, die Verbundenheit und das Mitgefühl, die wir uns wünschen, bereits Wirklichkeit wären.

Ein Leben führen, als ob …

Was bedeutet es, prophetisch zu leben? Es bedeutet, das Leben zu führen, als ob die Welt, von der wir träumen, schon da wäre. Es ist ein Handeln im Hier und Jetzt, das Hoffnung in die Gegenwart bringt. Wir leben so, als ob Frieden bereits herrscht – nicht naiv, sondern mit der tiefen Einsicht, dass wir durch unsere Haltung und unsere Taten die Zukunft mitgestalten.

Ein wichtiger Aspekt dieses Lebens ist der Frieden mit der geschaffenen Welt – unserer Umwelt. Wir träumen davon, der Umweltkatastrophe noch Einhalt gebieten zu können. Wir hoffen, dass es gelingt, wieder ein ökologisches Gleichgewicht zu finden. Auch dies ist ein Traum, der prophetisches Handeln erfordert. Wenn wir so leben, als ob dieser Ausgleich möglich ist, setzen wir Zeichen und inspirieren andere.

Wenn wir beginnen, bewusst sanftmütig, gütig und dankbar zu sein, legen wir Samen einer Zukunft, die weniger von Angst, Leiden und Spaltung geprägt ist. Indem wir uns öffnen für die Fülle des Lebens, uns selbst und anderen vergeben und Verantwortung für unsere Handlungen übernehmen, leben wir prophetisch. Wir leben nicht nur für das Jetzt, sondern für das Morgen, das wir herbeisehnen.

Über Unterschiede hinaus wachsen

Der Text spricht auch von der Überwindung von Unterschieden – dem Erkennen, dass wir in unserer Menschlichkeit verbunden sind. Es ist ein radikaler Akt des Friedens, ein Leben zu führen, das Vielfalt anerkennt und dennoch Einheit betont. Das prophetische Leben sieht in jedem Menschen sich selbst und erkennt an, dass unser Wohl untrennbar mit dem Wohl anderer verknüpft ist. Ebenso erkennt es an, dass das Wohl der Menschen eng mit dem Wohlergehen der Erde verbunden ist. Der Frieden mit der Umwelt ist Frieden mit uns selbst.

Praktische Schritte in ein prophetisches Leben

Prophetisch zu leben klingt einfach, ist aber eine tägliche Herausforderung. Es geht darum, zu üben – immer wieder neu anzufangen und in kleinen Schritten voranzugehen. Dabei sollten wir uns nicht tadeln, wenn es nicht auf Anhieb gelingt. Es ist diese tägliche Praxis, die Samen für eine bessere Zukunft sät und der Welt neue Kraft gibt.

Wie kann man das tun?

  1. Achtsame Präsenz: Sei dir der Ursachen von Leiden bewusst und handle mit Mitgefühl. Beobachte auch, wie deine Handlungen die Umwelt beeinflussen.
  2. Annehmen und Loslassen: Nimm an, was sich nicht ändern lässt, und lass zu, dass dein Herz offen bleibt, auch wenn es bricht. Dazu gehört auch, mit der Unsicherheit umzugehen, ob wir die Umweltkrise bewältigen können.
  3. Dankbarkeit kultivieren: Erkenne die Fülle des Lebens – in Menschen, Tieren, Pflanzen und der ganzen Erde – und sei dankbar für alles, was ist.
  4. Vergebung üben: Vergib Verletzungen, ohne schädliche Wege zu dulden. Übernimm Verantwortung für dein eigenes Handeln. Jeder kleine Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein zählt.
  5. Tägliches Üben: In Meditation und Achtsamkeitspraxis üben wir, mit uns selbst und der Welt in Frieden zu sein. Wir erinnern uns daran, dass das wiederholte Beginnen, das tägliche Üben und das Dranbleiben den Unterschied machen. Dies stärkt nicht nur uns, sondern gibt der Welt neue Kraft.
  6. Leben in Unsicherheit: Akzeptiere die Vergänglichkeit aller Dinge und säe Liebe inmitten der Ungewissheit. Auch wenn die großen ökologischen Herausforderungen überwältigend erscheinen, tragen unsere kleinen, bewussten Handlungen zum Wandel bei.

Frieden im eigenen Alltag leben

Prophetisch zu leben bedeutet nicht, perfekte Bedingungen abzuwarten. Es bedeutet, jetzt zu beginnen – in jedem Gespräch, in jeder Handlung, in jedem Atemzug. Es ist ein inneres Gelöbnis, keine Ängste zu nähren und ein Leben zu führen, das andere inspiriert, dasselbe zu tun.

Der Text endet mit dem kraftvollen Ruf: "Hier, jetzt, ich rufe dich! Lass uns gemeinsam den großen Frieden leben, der wir sind." Dies ist die Einladung an uns alle: den großen Frieden, der bereits in uns angelegt ist, in die Welt zu tragen – hier, dort, überall.

Mögen wir diesen Weg mit sanftem Herzen, offenen Händen und wachem Geist gehen – all unsere Tage, hier, dort, überall.

Dienstag, 18. Februar 2025

Atem-Pause: Meditation in drei Atemzügen

In unserem hektischen Alltag vergessen wir oft, innezuhalten und den Moment bewusst zu erleben. Doch selbst kurze Pausen können Wunder wirken. Mit nur drei bewussten Atemzügen kannst du dich zentrieren und Klarheit finden.

Dieses kurze Gedicht lädt dich ein, eine einfache Atemübung auszuprobieren:

Einatmend wird mir bewusst,
was drumherum geschieht,
Geräusche, Gerüche,
das Getriebe, das zieht.

Ausatmend – freundlich,
's darf jetzt so sein.

Einatmend wird mir bewusst,
was innen drin sich regt,
Empfindungen, Gefühle,
die Gedanken, bewegt.

Ausatmend – freundlich,
's darf jetzt so sein.

Einatmen, ausatmen –
das Jetzt ist genug –
der Schritt ins Neue
sich fast von selber tut.

Anleitung zur Atem-Pause:

  1. Erster Atemzug: Atme tief ein und richte deine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt. Nimm Geräusche, Gerüche und Bewegungen um dich herum wahr. Beim Ausatmen Versuche alles, so, wie es jetzt gerade ist, zu akzeptieren

    .

  2. Zweiter Atemzug: Atme erneut ein und lenke den Fokus nach innen. Spüre deine Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Beim Ausatmen erlaube dir, alles freundlich anzunehmen.

  3. Dritter Atemzug: Atme ein und aus, verweile im gegenwärtigen Moment. Spüre, wie sich mit jedem Atemzug Ruhe und Klarheit einstellen.

Diese kurze Übung kann dir helfen, im Alltag innezuhalten und dich zu zentrieren. Probiere es aus – für drei Atemzüge ist immer Zeit.

Montag, 17. Februar 2025

Meditation ist kein Allheilmittel – Kritische Betrachtung eines aktuellen Artikels

Ein aktueller Artikel von Lukas Fischer, veröffentlicht am 16. Februar 2025 auf Our Common Future, thematisiert die „dunkle Seite“ der Achtsamkeitsmeditation und verweist darauf, dass über 10 % der regelmäßigen Meditierenden negative Nebenwirkungen wie Angst, Depression oder Dissoziation erleben. Der Artikel kritisiert zudem, dass die boomende Achtsamkeitsindustrie diese Risiken oft ignoriere und Meditation als universelle Lösung für Stress und psychische Belastungen vermarkte.

Während es wichtig ist, auf mögliche Herausforderungen in der Meditationspraxis hinzuweisen, greift der Artikel in seiner Argumentation zu kurz. Hier einige kritische Anmerkungen:

1. Die fünf Hindernisse der Meditation
In ordentlichen Achtsamkeitskursen wird gelehrt, dass Meditierende mit fünf klassischen Hindernissen konfrontiert werden: Sinnliches Verlangen, Übelwollen, Trägheit, Unruhe und Zweifel. Diese können sich in negativen Erfahrungen äußern, sind aber kein Zeichen für das Scheitern der Meditation, sondern ein normaler Bestandteil des inneren Prozesses. Fehlt eine fundierte Anleitung, können diese Herausforderungen als belastend erlebt werden.

2. Traumasensible Vermittlung und Leitung von Meditationsgruppen
Meditation ist nicht für jeden sofort förderlich, insbesondere nicht für Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Ein verantwortungsvoller Unterricht berücksichtigt dies, schafft einen sicheren Raum und erlaubt individuelle Anpassungen. Die beschriebenen negativen Effekte entstehen oft durch mangelnde traumasensible Begleitung und nicht durch die Meditation selbst.

3. Alle Aktivitäten haben Nebenwirkungen – auch Meditation
Wie Sport, Medikamente oder therapeutische Interventionen kann auch Meditation unerwartete Reaktionen hervorrufen. Das Problem liegt nicht in der Meditation an sich, sondern in der oft oberflächlichen und kommerzialisierten Vermittlung. Achtsamkeit sollte nicht als reines Wohlfühltool verkauft werden, sondern als Methode, um bewusster und eigenverantwortlicher zu agieren, statt nur auf äußere Reize zu reagieren.

Fazit:
Der Artikel greift ein wichtiges Thema auf, bleibt jedoch in einer problemzentrierten Darstellung stecken. Meditation ist weder ein Allheilmittel noch eine Gefahr per se – entscheidend ist die Qualität der Anleitung. Eine seriöse Vermittlung setzt Wissen, Erfahrung und eine differenzierte Betrachtung der individuellen Bedürfnisse der Praktizierenden voraus.


Schau auch mal im Seinsraum vorbei, vielleicht ist ja für dich etwas dabei.

Sonntag, 29. Juli 2018

Der Geheimrat - mein heimlicher Begleiter


Gestern war ein guter Freund bei mir zu Besuch. Wir kamen auf unsere unsichtbaren „inneren“ Begleiter zu sprechen.
Als er von seinem Begleiter erzählte, und ich über die verschiedenen Eigenschaften und Qualitäten mehr erfuhr, dachte ich an meinen eigenen.
Manchmal nehme ich ihn ganz deutlich war, manchmal kümmere ich mich gar nicht um ihn.
Bei unserem gestrigen Gespräch aber dachte ich, dass es doch wichtig wäre, ihn viel mehr zu beachten.
Er ist wie ein Geheimrat, wie ein diskreter Freund. Und er meint es sehr gut mit mir. Sein reden ist sehr freundlich. Und sogar, wenn er mich kritisiert, dann ist die Kritik immer sehr verständnisvoll. Er versteht mich, warum ich manchmal so, und manchmal anders handele. Er versteht mich, wenn ich Dinge tue, die eigentlich nicht mit meinen Grundwerten übereinstimme.
Als ich klein war, im Internat, da habe ich viel mehr mit ihm gesprochen. Er hat mir geholfen, meine Einsamkeit zu überstehen.
Sehr oft war ich der Willkür von Erziehern und Lehrern ausgesetzt, er hat mir immer wieder gesagt, „Sie haben dich nicht geboren, sie haben keine Rechte an Dir“ Das hat mich in meinem „Stillen Widerstand“ sehr bestärkt. Offener Wiederstand war zu gefährlich.
Er hat mich gelehrt, wie ich ohne mein Gesicht zu verlieren, meine Fehler vor anderen eingestehen Kann.
Z.B. in innerlich sehr stressigen Situationen habe ich zu anderen Menschen sehr unfreundliche Dinge gesagt. Mein Geheimrad hat mich gelehrt, aus freien Stücken mich bei ihnen zu Entschuldigen. Ich war immer wieder erstaunt, das dies Menschen dann nicht bitter reagiert haben, sondern ihrersets sehr erstaunt waren, dass sich jemand bei ihnen einfach so entschuldigt.
Wenn ich traurig bin, dann redet mein Geheimrat mir gut zu. „Steh auf – komm – sei nicht traurig… Wir schafen das...“
Wenn ich das so aufschreibe, klingt das vielleicht banal, aber ich verstehe, wie wichtig er mir ist.
Es gibt ganz sicher auch andere Stimmen in mir. Stimmen die nicht so konstruktiv und aufbauend sind.
Ich bin meinem Freund sehr dankbar für das gestrige Gespräch und für die Möglichkeit, mehr über meine inneren Kräfte zu erfahren.
Ich hätte gern mehr davon...


nicht-wissen, Zeugnis geben, handeln - und jetzt?

Was gerade in der Welt passiert, macht mir Angst. Ich sehe, wie das Völkerrecht ad absurdum geführt wird. Abkommen, Bündnisse, ...